Symbolbild Kreativität

 „Schöpferische Kraft“ bietet der DUDEN als ‚Übersetzung‘ für Kreativität und weist damit zugleich in zwei Richtungen. Im Moment des Schöpferischen, des Kreativ-Seins, bricht sich etwas seine Bahn. Etwas, das in dem Moment so stark ist, dass es alles andere zur Seite schiebt. Erst einmal. Und zugleich gibt es noch den Weg dahin,  der tatsächlich zuweilen Kraft benötigt:  das Sammeln und Ordnen, das Verwerfen und neu Beginnen, das Aufhören und doch nicht ganz loslassen können, das Festhalten und Fließen lassen, bis sich die Gedanken wie von selbst formen.

Und dieses Dazwischen ist das Mühevolle und zugleich Spannende. Denn wie lange halte ich durch, um mich vom Neuen finden zu lassen? Zunächst  sind die Dinge – auf unbestimmte Zeit – erst einmal viel zu unscharf. So dass sie sich sprachlich weder mit dem einen noch dem anderen Wort umarmen lassen wollen. Alles scheint ineinander verkleistert zu sein.  Wo soll man bloß anfangen mit dem Entwirren?

Deshalb hilft an dieser Stelle auch kein rational-logisches Verbeißen in die Sache – außer, man möchte gerade nicht, dass etwas Neues entsteht, dass ein kreativer Prozess in Gang kommt. Denn dieses Verbeißen zementiert den geradlinigen Denk-Standard. Dieser zielt darauf ab, auf dem schnellsten Weg Klarheit herzustellen, indem Komplexes in kleinere Einheiten unterteilt wird, die sich besser verstehen lassen. Und diese minimierten Verständniseinheiten reiht man anschließend so aneinander, dass sich daraus eine Erkenntnis formulieren lässt. Eine Erkenntnis, geformt aus dem Rahmen der schnellen, gewohnheitsmäßigen Denkroutinen.

Nicht ohne Grund gibt es Kreativitätstechniken, um dem scheuen Reh des Geistesblitzes, der etwas Neues/in neue Zusammenhänge Stellendes, hervorbringt, den Weg zu ebnen, die Wahrscheinlichkeit des befreienden Durchbruchs zu erhöhen, indem man zufällige Assoziationen oder Zufallstechniken zu Hilfe nimmt. Sie sollen den Kopf frei schwingen und aus den Strukturen dessen ausbrechen lassen, was gerade nicht klar und geradlinig sagbar ist. Wie? Indem man das nutzt, was bereits sagbar, was bereits bekannt ist, um so ein Klettergerüst zu bauen, das mühelos-mühevoll ein neues Plateau erklimmen lässt.

Sind Erfahrungen und Wissen bezüglich eines Themas/Lebensbereichs bereits vorhanden, das/der kreativ „bearbeitet“ werden soll, dann lassen sich diese, anstelle der Kreativitätstechniken, gewinnbringend einbauen. Statt des Hin- und Herschwingens zwischen bewusst eingesetzter Störung (durch Zufallstechniken oder Assoziieren) und der routinierten Problemerfassung, taucht man tiefer in das Noch-Nicht-Verstehen, Noch-Nicht-Fassen-Können hinein. Die Größe des kreativen Vorhabens wahrnehmen und aushalten, um so ein Gefühl dafür zu entwickeln, was bereits alles in einem selbst schlummert an vagem Ahnen und intuitivem, aber noch nicht artikulierbarem Verstehen. Das Eintauchen, das sich entspannte Zurücklehnen und Abwarten, was da kommt, wie und wo dieses in Kopf und Körper spür- und erlebbar wird, macht, analog der gezielt eingesetzten Kreativitätstechnik, die kontemplativen Kopfpausen möglich, die neue Türen sichtbar und neue Wege gangbar werden lassen. Die Erfahrung und das Wissen erleichtern als weiche Hintergrundschablone das gefahrlose Eintauchen in das sinnliche Wahrnehmen. Sie sind das sichere Ufer, an das ich jederzeit zurückkehren und von wo aus ich gefahrlos zu neuem Erkunden aufbrechen kann.

Sich selbst als kreativ zu erleben, kann so ganz nebenbei passieren. Voraussetzung ist jedoch, dass ich es für möglich halte, dass ich kreativ sein kann und dies nicht als eine Auszeichnung abgespeichert habe, die stets nur für andere, aber nicht für mich selbst gilt. Kreativ zu sein bedeutet nicht automatisch einen Treffer zu landen, nicht automatisch auf Akzeptanz für das Ergebnis der eigenen schöpferischen Tätigkeit zu stoßen. Der Grenzgang und Mut sich kreativ ins Abseits zu manövrieren, gehört also ebenso mit dazu. Kreativität verlangt ausgetretene Pfade zu verlassen. Wie weit man dabei gehen muss, ist nicht vorhersehbar.  Ebensowenig wie richtungsweisend und bahnbrechend das wird, was man tut. Und dennoch: Allein sich selbst als kreativ zu erleben, verändert etwas. Indem ich mich dem Unbekannten, dem Neuen öffne, erlebe ich (mich) selbst nicht nur als Kopf, sondern auch als Körper. Kreativität kann die eigene Welt aus den Angeln heben, ohne dass man dabei das Gleichgewicht verlieren muss. Anstelle von Erschöpfung, wenn das Schöpferische im Leben fehlt oder nicht wertgeschätzt werden kann, tanke ich schöpferische Kraft. Kreativität ermöglicht eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Innersten. Wo blockieren mich Handlungs- und Denkschleifen und wie kann ich, orientiert am eigenen Erleben und Fühlen, stattdessen vorgehen?

Dieser Blogtext ist ein Beitrag zur Blogparade von Nicole Gugger mit dem wunderbaren Thema: "Kreativität für alle“.

Für meinen Text habe ich mich inspirieren lassen von einem Aufsatz von Heike Deloch: „Das Nicht-Sagbare als Quelle der Kreativität.“ S. 259-284. In: Tolskdorf, S. und H. Tetens (Hgg.) In Sprachspiele verstrickt. Oder: wie man der Fliege den Ausweg zeigt. Verflechtungen von Wissen und Können. Berlin, New York, de Gruyter. 2010.

Bildnachweis: (c) wortfreundin.com

Wenn Ihnen dieser Blog-Beitrag der Wortfreundin gefallen hat, wie wäre es dann damit?
Schreibblockade - wenn das Unbewusste auf Tauchstation geht. Ich war verblüfft. Vor mir ein weißes Blatt Papier, in der Hand der Kugelschreiber, neben mir das gelesene Buch, über das ich eine kurze Rezension schreiben wollte – und nichts passierte.

Diesen Beitrag als Podcast anhören

Der Podcast zum Download als mp3

Kreativität (3,2 MiB)

Sie möchten die Blog-Beiträge der Wortfreundin abonnieren?

via E-Mail

Wer schreibt hier?

Annette Jäckel, PR- und Unternehmensberaterin
berät kreative Persönlichkeiten wie Solo-UnternehmerInnen und Schreibende.
Mehr zu den Angeboten finden Sie hier (Beratung) hier (Konzeption) und hier (Kritzelbilder)
Kontakt E-Mail: info(at)wortfreundin.com

13.02.2014 | 0 Kommentare

Kommentar verfassen

Kategorien